Die Nachttanzdemo in Frankfurt am Main wurde brutal aufgelöst. Möglicherweise mehrere Schwerverletzte. Ein Gespräch mit Max Behnke
Interview: Gitta Düperthal
Max Behnke hat an der Nachttanzdemo in Frankfurt am Main teilgenommen
Zur Frankfurter Nachttanzdemo von Donnerstag zu Freitag gibt es widersprüchliche Berichte. Die Polizei teilt mit, aus der Demonstration heraus sei mit Flaschen auf Beamte geworfen worden. Die Demoleitung hingegen berichtet, ihrer Kenntnis nach seien diese auf die Straße geworfen worden. Eine Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) der Polizei habe provoziert. Wie haben Sie das Geschehen erlebt?
Die Polizei hat den Zug schon nach 100 Metern gestoppt. Ich habe mitbekommen, wie Vermittler aus den Reihen der Teilnehmer versucht haben, Gespräche mit der Polizei zu führen – vergeblich. Die Demonstration hat dann in Sachsenhausen in der Gutzkowstraße angehalten. Es wurde bis gegen 23.00 Uhr weiter gefeiert, die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Musik wurde gespielt, und von den Lautsprecherwagen kamen Durchsagen: Es gehe darum, die Nachttanzdemo mit den rund 1400 Teilnehmern friedlich und tanzend fortzusetzen. Es gab vereinzelt zwar Flaschenwürfe, das muß aber eher harmlos gewesen sein. Ich habe nicht gesehen, daß Beamte getroffen wurden. Von den Lautsprecherwagen aus wurde immer wieder versucht, eine Eskalation zu verhindern. Die Polizei ist dann plötzlich in die Demonstration hineingestürmt. Mit Schlagstöcken und Pfefferspray hat sie sich bis zum ersten Lautsprecherwagen durchgeprügelt.
Es soll drei durch Schlagstöcke schwer verletzte Demonstranten gegeben haben sowie zahlreiche mit Prellungen, Blutergüssen und Augenreizungen. Die Polizei meldete 19 durch leichte Prellungen verletzte Beamte sowie zwei beschädigte Polizeifahrzeuge. Wie kam es Ihrer Ansicht nach zu dieser Eskalation?
Im Vorfeld hatte der Ordnungsdezernent Volker Stein (FDP) die Demonstration als »Zumutung« bezeichnet und die Teilnehmer als »alkoholisiert und gewaltbereit« diffamiert. Auch durch die Auflagen des Ordnungsamtes, unter anderem, daß die Nachttanzdemo nur bis 1.00 und nicht bis 3.00 Uhr nachts stattfinden sollte, war die Stimmung aufgeheizt. Durch die Äußerungen Steins hatten wir sehr genau mitbekommen, daß der Zug mit fadenscheinigen Auflagen als politische Demonstration verhindert oder zu einem von der Polizei begleiteten Abendspaziergang umgestaltet werden sollte. Insofern kann man sagen, daß die Eskalation nicht erst in der Nacht begonnen hat – diese Linie wurde jedoch fortgesetzt, indem die friedliche Demonstration brutal aufgelöst wurde.
Die Polizei sprach von etwa 20 Vermummten …
Die trugen Gesichtsmasken des Ordnungsdezernenten Stein, gedacht als witzige Reaktion auf sein Verhalten. Die Polizei hat das offenbar gezielt mißverstanden, um eine Bedrohung zu unterstellen. Wir waren entschlossen, die Nachttanzdemo in jedem Fall als Kampf für unkommerzielle Freiräume durchzuführen und uns die Stadt an diesem Abend tanzend zurückzuerobern, so wie es ursprünglich gedacht war. Demonstranten haben sich erst nach den brutalen Übergriffen zur Wehr gesetzt – auch mit Flaschenwürfen auf die prügelnden Polizeieinheiten.
Wie beurteilen Sie die Berichterstattung der lokalen Presse?
Es ist ein starkes Stück, was uns da an Falschdarstellungen zugemutet wird. Der Polizeibericht wurde eins zu eins übernommen, obgleich er nicht den Tatsachen entspricht. Ominöse Zeugenaussagen wurden aus dem Hut gezaubert, wie beispielsweise »denen ging es nur um Randale«. Wie ich beobachten konnte, ging die Eskalation von der Einsatzleitung aus. Im amtlichen Bericht wird der Polizeipräsident Achim Thiel mit den Worten zitiert, er bedaure, daß sich die Teilnehmer ihre eigene Veranstaltung kaputtgemacht hätten. Das ist eine Frechheit. Der Polizeipräsident trägt die Verantwortung dafür, daß eine friedliche Demonstration brutal aufgelöst wurde.