DEUTSCHLAND DEN SCHLAF RAUBEN! DIE VERHÄLTNISSE ZUM TANZEN BRINGEN!

Strassen zu Tanzflächen, Freirräume statt nationaler Euphorie.

Appropriate your City!

Amusement – so Adorno/Horkheimer – ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus. Die Verlängerung unseres Alltags aus Schule, Uni, Lohnarbeit. Dieses Amusement – und das ist die dialektische Form der Kulturindustrie – bietet dennoch auch einen Möglichkeitsraum, einen Raum zum Ausprobieren, einen Raum in dem ich die Normierungen des Alltags wie Geschlecht, etc. zurückweisen kann, in dem ich nicht den Traum träumen muss, sondern aus dem bösen Traum erwachen kann, der mich einschränkt, normiert, funktionalisiert und determiniert – der Traumschlaf der kapitalistischen Vergesellschaftung. Zwar bahnen sich die Weckreize und Störgeräusche mal laut, mal leise, übersteuert und verzerrt aus den Lautsprechern des Soundsystems, dennoch tragen sie bestimmt das Signal der Störung des Alltäglichen in sich. Tanzen auf einer Tanzfläche, die die Stadt ist, Tanzen als Protest. Und tanzend holen wir uns die Stadt zurück.

The Way we were...

Bereits seit 1995 finden in Frankfurt Nachttanzdemos statt. In breiten Bündnissen zwischen kulturellen und politischen Gruppen der Stadt wurde von Beginn an versucht, Alltag, Politik und (Party-)Kultur zu verbinden.
Die 1995 erstmals organisierte Nachttanzdemo widmete sich Themen wie Innenstadt- und Sicherheitspolitik und kritisierte die zunehmende Privatisierung des »Öffentlichen Raums« und die damit einhergehende soziale und rassistische Ausgrenzung. In den nächsten Jahren variierten sowohl die Organisator_innen als auch die Themenschwerpunkte. So wurde sich unter anderem auch mit der bis 2001 bestehenden Sperrstunde, Partypolitik, Studiengebühren, Freiräumen und Repression auseinandergesetzt. Der Gedanke, Freiräume zu schaffen und sich Teile der Stadt wieder anzueignen, um in diesen, fern von Sexismus, Homophobie, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Nationalismus, feiern, tanzen, und Politik machen zu können, war immer Bestandteil der Nachttanzdemos.
Da die Nachttanzdemo immer eine Verbindung von kulturellen und politischen Praxen darstellte, war sie, wie nicht anders zu erwarten, auch schon immer von Repression betroffen. Das manifestierte sich auf der letzten Nachttanzdemo durch einen Angriff der Polizei und den daraus folgenden Auseinandersetzungen. Der Angriff auf die Nachttanzdemo im letzten Jahr war für einige Besucher_innen vielleicht unerwartet, doch im Kontext der sich verschärfenden Repression gegenüber (linken) Interventionsversuchen (wie im Vorfeld des Naziaufmarschs am 7.7.07 und am Tag selbst oder bei den unzähligen Festnahmen aus Anlass Studierendenprotesten) ist diese gängige Praxis.

Raven gegen Deutschland!

In diesem Jahr soll die Nachttanzdemo der zeitweise überall präsenten Deutschtümelei entgegentreten. Aus diesem Grund findet die Nachttanzdemo in der Nacht zum 3. Oktober, dem »Tag der deutschen Einheit« statt. Wie bereits bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 hat sich auch bei der Europameisterschaft 2008 beim »public viewing«, in den Kneipen und Wohnzimmern der sogenannte Partypatriotismus breitgemacht. Die ganze Stadt war eingenommen von Deutschlandfahnen oder sonstigen schwarz-rot-goldenen Accessoires, von unzähligen Leuten, die plötzlich vereint die Nationalhymne oder andere dumme Reime auf Deutschland gröhlten. Diese unverkrampfte Begeisterung für Deutschland wurde wie bereits zwei Jahre zuvor von den Medien und Politiker_innen wieder durchweg positiv rezipiert. Diejenigen, die sich nicht in diesen nationalistischen Taumel einordnen wollte, wurden zu Spassverderber_innen und ewig Gestrigen abgestempelt. Das Abfeiern von Deutschland ist aber keinesfalls nur die Begeisterung für elf Hanseln, die einen Ball treten, sondern auch die Aufgabe der individuellen Bedürfnisse für etwas »größeres«, die Nation, Deutschland. Mit der Inszenierung Deutschlands, als einem Land auf das mensch endlich wieder stolz sein kann, werden aber nicht nur weite Teile des deutschen Alltags ausgeblendet, der immer noch durch rassistische Übergriffe, antisemitisches Ressentiment und einer immer stärker werdenden rechten Szene geprägt ist, auch die deutsche Geschichte scheint völlig überwunden und soll damit getrost vergessen werden können.
Wie jedoch etliche Studien belegen können (z.B. »Deutsche Zustände« von Heitmeyer 2007) steht das wieder salonfähig gewordene Nationalgefühl nach wie vor für Rassismus und Ausgrenzung und nicht nur für harmlose Parties in Flaggenmeeren.

Der Partynationalismus folgt dergestalt den Motiven der Kulturindustrie, dass er für Deutschland wirbt, er ist eine verschleierte Ideologie. Während sich das Spießer_innentum dieser »Party« gerne anschliesst, mobilisiert es umso mehr gegen alles was sein binäres Bild in Frage stellt. Diese Art des »Feierns« ist geordnet, identifizierend und antihedonistisch, und: Sie muss gefälligst irgendwann vorbei sein. Antihedonismus, der Hass auf das Sinnliche, muss sich immer schon von der Möglichkeit wirklicher sinnlicher Erfahrung abgrenzen, an deren Stelle tritt das Klischee mittels dem die Welt in gut und böse aufgeteilt wird.
Dem Umlügen einer abstrakten Nation zur konkreten »Volksgemeinschaft« schmiegt sich heimelig auch die Vorstellung einer »entarteten Kunst« an, die beständig als zu »abstrakt« gebrandmarkt wird. Der Gedanke an das Glück ohne Macht muss nicht nur beständig verdrängt werden, sondern komplett aus dem Blickfeld verschwinden:

»Noch als Möglichkeit, als Idee müssen sie den Gedanken an jenes Glück immer aufs neue verdrängen, sie verleugnen ihn um so wilder, je mehr er an der Zeit ist. Wo immer er inmitten der prinzipiellen Versagung als verwirklicht erscheint, müssen sie die Unterdrückung wiederholen, die der eigenen Sehnsucht galt.«
Theodor W. Adorno

Eine ungeordnete Party im Stadtraum ist unerträglich. Ein City-Rave ist also der Counterpart des Bedürfnisses der Spießer_innen nach der geordneten heilen Welt, von der sie selber ahnen, dass sie eine Lüge ist. Somit droht die Invasion junger Partysan_innen die mit der Sonnenbrille noch ins Bett gehen (irgendwann halt), auf den Straßen »ihrer« Stadt, dem Alltag. Der Alltag ist aber die subtilste Form der Herrschaft, seine Störung ist quasi ein verbrecherischer Akt. Und so muss das Außeralltägliche alltäglich gemacht werden, durch Einhegen von Parties in Clubs, durch Lärmauflagen oder durch das Aufmarschieren martialischer Polizeiketten bei der Nachttanzdemo. Jegliches Aufblitzen eines Anderen darf nicht sein. In unseren Parties scheint die Möglichkeit des Anderen auf, das sie als Modeunwesen verachten, und das sie für die Auflösung ihrer Traditionen als verantwortlich haluzinieren. Ein Verbot soll diesen Verfall eindämmen und es wird vermittels der Repression durchgesetzt werden. Der beständige loopartige Wechsel subversiver ästhetischer Stile, in dem die Spießer_innen den Verfall der Sittlichkeit ausmachen ,muss aber noch beschleunigt werden, damit das Einrichten im Alltäglichen verhindert wird: mit jeder Party ein neuer style!

What we want…

»Let’s smoke, let’s drink, let’s get trashed and go to bed with sunglasses on, we will always look younger anyway. Why? No time, no yesterday, no tomorrow, just now. We will all dance to the same soundtrack and will never have the same pictures running in our head. Fear of rejection is gone. No dress code, no Policy of Cool. To be unique but comfortably accepted, at night, should be an utopia.«
Miss Kittin

Auf der Nachttanzdemo wollen wir einen Raum eröffnen, in dem Feiern nicht als Bestätigung des Status Quo verstanden wird. Eine Party soll nicht der Ort sein, indem das Vergessen von Alltag und Job ermöglicht wird. Vielmehr muss es darum gehen, andere Erfahrungen zu machen, sich den Logiken des Alltags, im Job, in der Schule, in der Uni zu entziehen und im Feiern eine sinnliche Auseinandersetzung mit Alltag und Kultur zu suchen.

Gegen Deutschland – Freiräume entwickeln, erkämpfen, erhalten!

Ich will meine Stadt, meine Styles, meine Drogen und meine Sexualität! Tausend Tanzflächen überall und zu jeder Zeit!

Nachttanzdemo 2008 –
Donnerstag, 2.10.2008, 21h
Südbahnhof, Frankfurt am Main

Gemeinsamer Aufruf des
Vorbereitungsbündnis Nachttanzdemo